ROLLIN BEAMISH "Lindernde Maßnahmen", 24.05.–28.06.2014

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ROLLIN BEAMISH "Lindernde Maßnahmen", 24.05.–28.06.2014
Beschreibung

Details

Rollin Beamish – Lindernde Maßnahmen

24.05.14-28.06.2014

Kann sozial-kritische Kunst etwas verändern oder funktioniert sie nur als Linderung eines Gefühls des Unbehagens bezüglich unserer Umwelt? Die Kunst von Rollin Beamish befindet sich in einer schwierigen Position, weil sie eine Reflexion des kulturellen Diskurses ist. Die Problematik liegt darin, dass die Kritik des kulturellen Diskurses wieder zu ein Produkt dieses Diskurses selbst wird. Wie kann man diesem Kreis entkommen? Kann aus dem Linderungsmittel ein Änderungsmittel werden und kann Kunst solch einen Anspruch gerecht werden?

In der dritten Soloausstellung von Rollin Beamish namens „Palliative Measures“ in der Galerie Greusslich Contemporary finden wir Zeichnungen und kleine Installationen. Vorrangig handelt es sich um freihand Porträt-Zeichnungen. Beamish bezieht seine Vorlagen dazu aus dem abstrakten, unlebendigen Web-Raum, auf den er sich als ein „immanentes Archiv“ bezieht, und erweckt diese, welche nur als Daten oder als ein mediales Konstrukt vorliegen, zum Leben. Mit seinen zeichnerischen Übersetzungen verleiht er ihnen einen neuen Körper. Dadurch entwickelt sich eine hochgradige Spannung zwischen den abstrakten hyperrealen Vorlagen aus den Massengräbern des medialen Raums, ihren neuen Verkörperungen in Beamishs Zeichnungen und den realen Subjekten, die sie darstellen.

Blickt man auf die Portraits fragt man sich, wer diese Subjekte sind, die Beamish im Medien-Raum gefunden hat? Sind sie nur ein artifizielles Konstrukt? Haben sie reale Existenz oder werden sie unabhängig davon hyperreal konstruiert? Wie entsteht oder entwickelt sich ihre Identität? Was für eine Rolle haben die Porträtierten in sozialen und kulturellen Prozessen? Welchen Diskurs der westlichen bzw. globalen Kultur legen wir zugrunde? Beherrschen wir den Diskurs oder lebt er aus sich selbst heraus? Ist der Diskurs nur ein Versuch, unser Leiden an der Kultur zu lindern? Beamish stellt auch diese Frage mit dem Titel „Palliative Measures“ zur Disposition.

Beamishs Konzept stellt Fragen zu heutigen kulturellen und medialen Prozessen, welche er durch das Medium der Zeichnung unterstreicht. Seine Zeichnungen sind ebenso hyperrealistisch und in Details surrealistisch wie der Medien-Raum selbst und erwecken den Eindruck von etwas Fremdem und Bekanntem zugleich. Die Porträts sind auf scharf abgegrenzten unbearbeiteten Hintergrund gesetzt und schweben im leeren Raum, der ebenso wie der Medien-Raum, schwierig zu definieren ist. Haben die Subjekte einen Hintergrund und eine Basis oder sind sie einfach aus dem Nichts gekommen? Der Kontrast zwischen perfekt detaillierten, hyperrealen Zeichnungen und den unbearbeiteten undefinierten Umraum bringt eine spannende Dynamik.

Die Porträts wirken meistens wie Fragmente, wobei nur die Köpfe eine Ganzheit bilden. Der Brustbereich bricht an unlogischen Stellen in seiner zeichnerischen Ausgestaltung plötzlich ab und wir fühlen, dass da etwas fehlt, etwas unbeendet oder unbegonnen ist. Eine noch wichtigere Rolle als die Form spielt bei Beamish der Inhalt. In der Bilderserie, die sich auf den israelisch-palästinensischen Konflikt bezieht, finden wir eine Porträt-Zeichnung mit Islam Greagea, einem fünfjährigen Jungen, der 2011 bei einem israelischen Luftangriff in Gaza, getötet wurde. Über diesem Bild hängt eine Installation, die eine Lichtspiegelung und einen Schattenwurf mit dem Namen des Jungen in lateinischer und arabischer Schrift an der Wand entstehen lässt. Das ist eine subtile Art dem Tod des Jungen eine Prägnanz zu verleihen, weil Beamishs es nicht scheut, auch mit Darstellungen von Schockmomenten die Gesellschaft zu hinterfragen.

Auf einem anderen Bild aus dieser Serie sehen wir einen Stein mit Blut und Haaren an seiner scharfen Kante und beschriftet mit den Worten: „Wait for it“. Worauf soll man warten? Was soll man erwarten? Das gleiche Schicksal wie Islam Greagea? Es klingt wie ein Hinweis, wie eine Warnung, die eine Angstatmosphäre aufsteigen lässt; eine Angst, die wie ein raffiniertes Instrument der politischen Macht wahrgenommen werden kann. Text hat bei Beamish eine ganz besondere Rolle.

Das ist auch bei der nächsten Bilderserie festzustellen, die drei Porträts des Schauspielers Chiwetel Ejiofor in drei veschiedenen Rollen aufzeigt. In der Mitte der Papierzeichnungen befindet sich ein längerer Text als Wandzeichnung, der mit Wörtern „Where is she?“ betitelt ist (1). Die Verbindung zwischen Wort und Bild eröffnet eine neue Ebene der Interpretation des Kunstwerks und es entwickelt sich ein hermeneutisches Gespräch, wobei das Verständnis für die Arbeit neue Horizonte erklimmt. Der Text behandelt etwas Existenzielles, etwas, das all unseren inneren Prozessen gemein ist. Das Arbeiten mit Wort und Bild erinnert uns an die intimen Aussagen von Tracy Emin. Aber ich denke, dass die Kunst von Rollin Beamish diese Intimität des Wortes überschreitet und zu etwas Allgemeinem und Kollektivem führt.

Bei Beamish wird eine subjektive Aussage zu einer kollektiven und umgekehrt. In den Filmen, auf die sich die Porträts von Chiwetel Ejiofor beziehen, befinden sich die Figuren mehr oder weniger in verzweifelten Situationen. Sie befinden sich im Zentrum von Konflikten unterschiedlicher politischer Systeme, deren Gewalt und deren Machtspiele. Verkörpert she in dem Text eine Idee der alten und verlorenen Weltordnung oder eines verlorenen Heims? Ist der Text die Beichte eines Künstlers, der in der Mitte eines Meeres den Kurs zu einem verlorenen Land sucht und dabei von Anweisungen beeinflusst wird, die ihm von dem „Großen Anderen“ aufgezwungen werden?

„…suddenly the intensity of her desire which destroys her, terrifies me…”

Ist she ein Objekt unserer nicht versiegenden Sehnsucht; Sehnsucht nach dem verlorenen Land, nach Befreiung, nach der Verschmelzung mit her, nach Ganzheit, Sehnsucht nach etwas unanfassbarem? Oder kann man den Text lesen als verweise er auf etwas, das man anfassen kann, aber uns versagt ist?

„She is no longer the one who prepared meals, washed herself, or bought small articles.”

In Beamishs Werk bildet sich ein eigenwilliges Bedeutungsnetz aus, das voll von Symbolen und intertextuellen Hinweisen ist.

Bei den anderen Bildern und den Installationen in Greusslich Contemporary sehen wir, wie er die für ihn typischen Symbole in immer neuen Kontext setzt. So finden wir auf ein Neues das Symbol der „Gorgo Medusa“ oder eine Zeichnung der „Digesting Duck “ (1738) von dem französischen Erfinder Jacques de Vaucanson. Jedes Detail hat bei Beamish eine Bedeutung und ist Fragment seiner komplexen Mythologie – einer Mythologie, in der die Helden entweder Träger oder Opfer des gesellschaftlichen Diskurses sind, einer Mythologie, die ein großartiger Spiegel heutiger Kulturprozesse ist, die eine Beunruhigung über die Entwicklung der westlichen Gesellschaft weckt, einer Mythologie, die uns ganz eigenartig zeigt, wie sich der berühmte Ausruf Rimbauds „ICH ist ein anderer!“ mit dem heutigen Ausruf: „WIR ist ein anderer!“ vertauscht.

Text von Filip Machac

(1) Titel von Rollin Beamish. Text: Georges Bataille "La Part Maudite, Band 2: Teil 2: Kapitel 4, The Object of Desire and the Totality of the Real.