ROLLIN BEAMISH "Few people", 2013

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Beschreibung

Details

Rollin Beamish

„few people“

19.01.­­-23.02.2013

Greusslich Contemporary freut sich, die zweite Einzelausstellung mit neuen Arbeiten von Rollin Beamish ankündigen zu dürfen.

In dieser Ausstellung kombiniert Beamish eine Auswahl von Arbeiten aus seinen aktuellen Werkserien „portraits“ und „post-human“ mit Textzitaten und einer Videoarbeit zu einer sorgsam auf die Ausstellungsräume abgestimmten, inhaltlich wie formal höchst vielschichtigen Gesamtinstallation. Der Titel „few people“ scheint zunächst auf die virtuos gezeichneten, auf den ersten Blick hyperrealistisch anmutenden Porträts zu verweisen, die Beamish mit Graphit auf die Leinwände bzw. auf’s Papier bringt. Im Ausstellungskontext wird deutlich, dass es sich zugleich um einen Zitatausschnitt aus einem Fernsehinterview von 1965 handelt, in dem J. Robert Oppenheimer, der „Vater der Atombombe“, über den ersten Atombombentest vom 16. Juli 1945 spricht. Eine in Endlosschleife laufende Sequenz aus diesem Interview hat Beamish zu einem Video von gespenstischer Ausstrahlung umgearbeitet.

Die „paar Leute“, die sich auf den Galeriewänden begegnen, bilden eine höchst heterogene, bedeutungsgeladene Gruppierung. Filmfiguren wie Judy Barton aus Hitchcocks „Vertigo“ und Group Cpt. Lionel Mandrake aus Kubricks „Dr. Strangelove“ treffen auf ganz reale, jugendliche Opfer staatlicher Gewalt wie den im Februar 2012 von einem New Yorker Polizisten erschossenen Ramarley Graham und den während der Proteste 2011 in Bahrain ums Leben gekommenen Ali Jawad al Sheikh. In hartem Kontrast dazu, in geradezu schockhaftem Realismus, erscheint der rechtsextremistische Massenmörder Anders Breivik in Schlips und Kragen. Ein weiteres Porträt zeigt die britische Historikerin Gisèle Littman alias Bat Ye’or, auf deren fragwürdige Thesen zu einer angeblichen Islamisierung Europas sich Breivik in seinem berüchtigten islamophoben Manifest bezog.

Indem sie verschiedene Facetten von Gewalt andeutet (polizeiliche bzw. militärische, systemische und ideologische Gewalt bis hin zu den religiös verbrämten Zerstörungsvisionen Oppenheimers) spannt die Ausstellung ein komplexes semantisches Feld auf, in dem sich gesellschaftspolitische Problemlagen und angstbesetzte Gesellschaftsmodelle mit der Reflexion über die Rolle unterschiedlicher Medien verbinden. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, lautet ein bekannter Satz des Soziologen Niklas Luhmann. Konsequenterweise zitiert Beamish immer wieder diverse Bildmedien (Film- und Fernsehbilder, Pressefotos usw.), die er gewöhnlich aus dem zeitgenössischen „Archiv der Archive“, dem Internet, bezieht. Indem er diese Bilder in das Medium der Zeichnung übersetzt und zugleich mit subtilen Zeichen einer subjektiven Interpretation versieht, kommt ein starker Verfremdungseffekt ins Spiel. Im Gegensatz etwa zu einem Luc Tuymans, der historische Medienbilder in eine verschwommen und ausgebleicht wirkende Malerei übersetzt, lädt Beamish seine Bilder durch eine extrem minutiöse (übrigens freihändig verfahrende, d. h. ohne Projektor- oder Computerhilfe auskommende) Zeichentechnik mit einer Detailschärfe und Informationsdichte auf, welche die der Internetbilder zum Teil bei Weitem übertreffen. Ergänzt werden die Figurenbilder durch Arbeiten, die ein ganz und gar antiquiertes Medium zitieren: in (ruinöse) Mauern bzw. Steintafeln eingemeißelte Inschriften. Die kontextlosen, an sich banalen Sätze und Satzteile (z. B.: „all of this happened while we were asleep“) wirken aufgrund dieser Einschreibung wie bedeutungsschwere Mitteilungen einer unbestimmten, tendenziell bedrohlichen Über-Ich-Instanz. Beamishs künstlerische Medienreflexion wird mit einem Wandtext, einem Zitat aus dem medienkritischen dystopischen Roman „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury weitergeführt, in dem eine zukünftige Gesellschaft ohne Bücher beschrieben wird.

In Beamishs Arbeit verbindet sich auf originelle Weise eine handwerklich perfekte Zeichenkunst mit einem dezidiert konzeptuellen Ansatz. Sie reflektiert aktuelle medientheoretische und gesellschaftspolitische Diskurse, und sie ist selbst politisch gerade dadurch, dass sie nicht etwa bloß die Sichtweise des Künstlers „illustriert“, sondern den Betrachtern die Freiheit gibt, sich in dem labyrinthisch verschlungenen semantischen Gefüge der Ausstellung eigene Seh-, Denk- und Interpretationspfade zu suchen.

 

Rollin Beamish (* 1977 in Ohio) arbeitet seit 2009 an seiner auf 52 Einzelstücke konzipierten „portrait“-Serie von objekthaften Graphit-Bildern und seit 2011 an einer Serie von Arbeiten auf Papier unter dem Titel „post-human“. Beide Serien umkreisen komplexe Fragen zum gegenwärtigen Zustand (post-)moderner Gesellschaften unter den sozialen, medialen und kulturellen Bedingungen eines globalen kapitalistischen Wirtschaftssystems. 2005/06 lebte und arbeitete Beamish, ausgestattet mit dem renommierten Fulbright-Stipendium, in Berlin, wo er sich seither zeitweilig immer wieder aufhält. Seit 2006 unterrichtet er an der Montana State University in Bozeman, MT, wo er Associate Professor for Drawing & Painting ist.