post-human (unidentified, Abbottabad, 2011)

post-human (unidentified, Abbottabad, 2011)

    post-human (unidentified, Abbottabad, 2011)
Rollin Beamish
post-human (unidentified, Abbottabad, 2011)
Beschreibung

Details

Die Arbeiten des Amerikaners Rollin Beamish sind ein Beispiel, an dem man sehen kann, dass es für eine heutige Gesellschaftskritik nicht genügen kann, einfach politische Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen. Eine komplexe Situation wie die politisch-kulturelle Lage der Gegenwart erfordert komplexe künstlerische Strategien. Der Titel der jüngsten Zeichnungs-Serie von Rollin Beamish lautet "post human". Üblicherweise versteht man unter Posthumanismus die Reflexion auf den Zustand nach dem Menschen, wie wir ihn heute kennen, sei es durch genetische Veränderungen, technische Manipulationen, Neuro-Enhancer usw. Das ist hier offensichtlich nicht gemeint. Beamish findet seine Motive meist im Internet, dem ultimativen Bildarchiv der Gegenwart. Für "post human" kombiniert er "Porträts" von Filmfiguren (aus Andrei Tarkowskis "Stalker", David Lynchs "Mulholland Drive" und Terry Gilliams "Brazil") mit Bildern anonymer Erschossener aus dem Bürgerkrieg in Lybien und der Erstürmung des Hauses von Osama bin Laden im pakistanischen Abbottabad durch amerikanische Elitetruppen.

Zunächst fragt sich der Künstler, was passiert, wenn die digitalen Bilder in einem geradezu hyperrealistischen Stil in das Medium der Handzeichnung übersetzt werden (wobei Beamish übrigens völlig freihändig, ohne Projektion oder technische Bildübertragung, zeichnet). Interessant ist der Blick der Porträtfiguren; insbesondere im Fall von "post human (Sam Lowry)" wird deutlich, dass das leicht untersichtige ins Halbprofil gedrehte Gesicht mit dem ernsten Blick in die Ferne ein Klischee der totalitären Moderne zitiert, den Blick in die Zukunft, wie er auf zahllosen Fotos, Filmen und Propagandaplakaten zu sehen ist, gleichgültig ob sowjetischer, nationalsozialistischer oder maoistischer Provenienz. Wenn man den Film "Brazil" kennt, dem das Motiv entstammt, weiß man, dass dieser Blick in eine utopische Welt das Wahnprodukt der von Folterungen zerrütteten Hauptfigur Sam Lowry ist. 

POST-HUMANISM - WAS KOMMT NACH UNS? 

Es kann hier nicht all den komplizierten Fragen nach den Filmzitaten und dem Zusammenhang mit den medialen Bildern von Opfern militärischer Gewalt oder den Transformationen von Fotografie in Zeichnung nachgegangen werden. Zwei Hinweise zum Posthumanismus sollen genügen. Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk Recht hat mit seiner Behauptung, dass unsere gegenwärtigen Gesellschaften im Wesentlichen nur noch durch die Massenmedien zusammengehalten und integriert werden als "Erregungsgemeinschaften ", dann bedeutet dies, dass das Zeitalter des Humanismus, das medial durch die Buchkultur, durch das Lesen bedeutsamer Texte geprägt war, mit der Ära des Internets und der digitalen Massenmedien zu Ende gegangen ist.

Posthumanismus bedeutet bei Beamish aber auch, mittels der künstlerischen Aufarbeitung massenmedial erzeugter und digital archivierter Bilder darüber nachzudenken, was "nach uns", d. h., nachdem kommen wird, was wir als unsere politisch-kulturellwirtschaftliche Gegenwart kennen, und die sich, wie immer deutlicher wird, in naher Zukunft dramatisch verändern wird. Dass wir solchen schwierigen Fragen gerne ausweichen und immer ins Naheliegende flüchten, ist in Beamishs Arbeit ironisch eingearbeitet: Auf dem letzten Blatt der Serie sieht man eine zerbröckelnde Mauer, in die zwei Schriftzeilen eingraviert sind: "I should maybe do some laundry before I investigate post-humanism".

Text zitiert aus: Kunst und Gesellschaft, #89 Heft Nr. 04/2011, Autor: Dr. Peter Lodermeyer

 

Details

Details

Künstler Rollin Beamish
Jahr 2011
Größe 76 x 56,5 cm
Technik Graphit auf Papier
Edition Nicht zutreffend
Ausstellungen Rollin Beamish „few people“, 2013, Greusslich Contemporary, Berlin